Wind und Wellen bestimmen seit vier Tagen wieder unser Leben. Weit weg ist die australische Zivilisation, aber jeden Tag um die Mittagszeit werden wir daran erinnert. Im Tiefflug braust eine Propellermaschine über uns hinweg. Bald darauf erwacht das Funkgerät. "Felix, Felix, this is Australian Coastwatch." Wo ist das Boot registriert, was war der letzte Hafen und was ist der nächste, wollen sie wissen. Zusätzlich sollen wir noch Auskunft geben über ein Segelboot nördlich von uns, das anscheinend Funkprobleme hat. Sorry, die kennen wir auch nicht. Die nördliche Küste wird streng überwacht und Felix ist inzwischen schon bestens bekannt.

Um vier Uhr früh trete ich schlaftrunken meine Wache an. Endlich ist der Mond als schmale Sichel aufgegangen und lässt schwach den Horizont und die mit uns rollenden Wellen erkennen. Nur knapp zweihundert Meilen vor Bali und etwa dreißig Meilen südlich der indonesischen Inselkette tauchen die ersten Fischkutter auf, weshalb wir noch aufmerksamer Ausschau halten müssen. Beleuchtet sind die Boote zwar gut, aber AIS (Automatic Identification System), das wir an Bord empfangen könnten, haben sie natürlich nicht.

An beiden Seiten brechen sich die Wellen am Riff, als wir nach sieben Tagen auf See den Ankerplatz bei Serangan im Süden von Bali ansteuern. Wir sind froh über die genauen Wegpunkte, die uns Ruth vom "Royal Bali Yacht Club" per e-mail gegeben hat. Bald darauf machen wir an einer Mooringboje fest und betrachten skeptisch das dreckige Wasser und den Trubel um uns herum. Hier können wir also wieder nicht schwimmen gehen, stellen wir enttäuscht fest.

Nur kurz erfreuen wir uns an dem glasklarem Wasser auf Nusa Lembongan. Die kleine Insel im Südosten von Bali wird täglich von Monster-Ausflugkats angelaufen. Stundenlang fahren uns Motorboote um die Ohren, die kreischende Urlauber auf Fun-Geräten hinter sich herziehen. Zeitig am nächsten Morgen sind wir schon wieder unterwegs mit Kurs Gili Trawangan. Die gut vierzig Meilen zu den drei Inseln im Nordwesten von Lombok müssten leicht zu schaffen sein. Obwohl wir auf die Tide geachtet haben, ist die Gegenströmung für einige Stunden so stark, dass wir uns mit beiden Motoren und gesetzter Genua bei sieben Knoten durchs Wasser kaum einen Knoten über Grund bewegen. Wir driften seitwärts und müssen aufpassen, nicht am seichten Korallenriff zu landen, wo bereits ein Fischkutter als mahnendes Beispiel liegt. Lois ändert den Kurs nach Westen. Näher an der Küste von Bali wird die Strömung schwächer und wir erreichen doch noch am Nachmittag unser angepeiltes Ziel.


Auch auf Gili Trawangan reiht sich Resort an Resort. Insgesamt macht die Insel aber einen gemütlichen Eindruck mit den Pferdefuhrwerken, netten Cafés und bunten Auslegerkanus. Schmerzlich müssen wir in der Nacht erkennen, was ein Teil der Touristen von ihrem Urlaub erwartet. Wie mit Hammerschlägen werden wir bis zum Morgengrauen mit beinharter Techno Music bearbeitet. Dabei hätten wir nach einem langen Tag einen erholsamen Schlaf verdient. Zum Glück findet die große Party nur am Mittwoch statt. In den kommenden Nächten ist die Musik etwas gedämpfter.
Seit drei Monaten waren wir nicht mehr tauchen. Die "Gilis" bieten dazu viele gute Möglichkeiten, nur können wir wegen der unberechenbaren Strömung nicht mit dem eigenen Dingi gehen. Diveshops gibt es hier wie Sand am Meer. Bald sitzen wir im PS-starken Outrigger der "Vila Ombak Dive Academy". Zusammen mit unserem Diveguide Sugan tauchen wir endlich wieder ein in die Welt der Fische und Korallen. Die Strömung trägt uns durch klares Wasser vorbei an bunten Korallenfächern, Schildkröten, Steinfischen, Muränen, Anemonen und Strahlenfeuerfischen. Auch einen hübschen Leopardendrückerfisch entdecke ich. Kaum schaffen wir es, in dem Sog kurz anzuhalten und einen Meeresbewohner zu fotografieren oder länger zu betrachten. Nach einer knappen Stunde gibt Sugan das Zeichen zum Auftauchen und wir werden vom Tauchboot wieder eingesammelt. Drei mal gönnen wir uns den Luxus einer organisierten Tauchausfahrt und brauchen uns keine Sorgen zu machen, ob wir danach unser Dingi wieder finden.


Kalimantan auf Borneo ist unser nächstes Ziel. Die 500 Seemeilen unterbrechen wir durch Stopps auf einer Inselgruppe 80 Seemeilen nördlich von Lombok und einer 170 Meilen Etappe bis Pulau Bawean. Auf der Seekarte studieren wir den Inselhaufen und picken uns einen geschützten Ankerplatz heraus. Ein paar Tage an einem ruhigen Ort ausspannen, schwimmen und schnorcheln wäre nicht schlecht. Auf Saibus sind am Ufer einige Häuser zu sehen. Zwei Männer im Kanu zeigen uns die richtige Stelle zum Ankern. Palmen, Sandstrand, klares Wasser - ganz nett hier... Wir bedanken uns mit Cola und Fanta und bekommen kurz darauf herrliche Trinknüsse geliefert.

Der Wind ist gut auf den 200 Meilen von Bawean nach Kumai. Tagsüber setzen wir den Parasailor, der nach der Reparatur in Darwin wieder gute Dienste leistet. Am Abend zeigt der Windmesser über zwanzig Knoten. Wir sind vorsichtig geworden und bergen das Segel lieber. Mit gereffter Genua fahren wir durch die Nacht. So verlangsamen wir das Tempo, um nicht vor Tagesanbruch in Landnähe von Kalimantan zu kommen. Die Fischfallen der Indonesier, Holz- oder Metallplattformen unter denen sich die Fische sammeln, sind nur mit einem Stecken markiert. In der Nacht sind sie auch bei Vollmond nicht zu erkennen und ein von Seglern gefürchtetes Hindernis.

Mit leicht flauem Gefühl beobachten wir die Anzeige am Tiefenmesser. Von der Mündung des Kumai Flusses westwärts segeln wir den ganzen Tag in milchig-grünem Wasser, das nur fünf bis zehn Meter tief ist. Wir ankern schon bei Dunkelheit in einer weiten Bucht auf Kalimantan, einzelne Lichter von Fischerbooten um uns, und steuern am nächsten Tag eine kleine Insel an. Pulau Langau ist üppig bewachsen wie ein tropischer Garten, umrahmt von großen, schwarzen Felsbrocken. Von den über 13.000 indonesischen Inseln mit 235 Millionen Einwohnern scheint dieses Eiland eines der wenigen unbewohnten zu sein.

Das Kreuz des Südens hat uns zweieinhalb Jahre begleitet. In den vergangenen Wochen ist es bereits in der Abenddämmerung am Horizont verschwunden. Dafür steht die Sonne zu dieser Jahreszeit direkt über uns und beschert uns schweißtreibende Temperaturen. Besonders um die Mittagszeit halten wir uns nur unter dem Biminidach auf und sind froh über jeden Lufthauch.
Am 29. September um 9 Uhr überqueren wir den Äquator. Neptun war uns gewogen auf unvergesslichen Meilen durch die Südsee und möge es auch auf der Nordhalbkugel bleiben. Käpt'n Alois spendiert ihm zum Dank zwei Stamperl "Bounty Rum", für jeden Rumpf eines.

Da schwimmt was, ein Plastiksackerl, ein Fähnchen und dort eine Styroporbox. Meilenweit steuern wir Felix durch einen Wald von kaum erkannbaren Markierungen, an denen wahrscheinlich Fischreusen befestigt sind. Vor Einbruch der Dunkelheit hat dieser Irrlauf zum Glück ein Ende. Mit schwachem SW-Wind segeln oder motoren wir durch die Nacht und erreichen am Vormittag die Tambelan-Gruppe. Vor dem Inselchen Ibul tasten wir uns an das Saumriff heran, suchen einen Ankerplatz frei von Korallen und atmen erstmal tief durch. Diese zauberhafte Gegend ist in keinem Reiseprospekt zu finden.

Durch Zufall ergattern wir einen Platz in der kleinen Marina auf Pulau Tioman. "Alles voll", meint der Hafenmeister. "That´s not my responsibility", ist seine Lieblingsaussage. Wir erfahren, dass ein Segler rausfährt und beeilen uns, die Lücke aufzufüllen. Alle sind zufrieden, so einfach ist das hier.
Die Landebahn hinter dem Ort Tekek ist nur für geübte Piloten geeignet. Zwei mal täglich kommt eine Propellermaschine der "Berjaya Air" aus Kuala Lumpur. Felix ist sicher aufgehoben, also ergreifen wir die Gelegenheit und fliegen für drei Tage in die malaysische Hauptstadt. Sogar als abgebrühte Vielflieger beobachten wir gespannt, wie die Maschine mit dröhnenden Motoren abhebt und kurz darauf in einer Steilkurve entlang dichtbewaldeter Hügel mit uns Richtung Meer entschwebt.

Seit einer Woche hüpfen wir entlang der Ostküste Malaysiens von Insel zu Insel, von einem kitschigen Ankerplatz zum nächsten. Die Motoren brummen abwechselnd. Entweder wir haben gar keinen Wind oder zu sehr gegenan. Die langfristige Vorhersage ändert sich täglich und stimmt eigentlich nie. In der Umstellungszeit von Südwest- auf Nordostmonsun gibt es keine verlässliche Prognose. Schwarze Wolken bescheren uns immer wieder heftige Regengüsse begleitet von Blitz und Donner.

Am Samstag wird im Fischerdorf auf Perhentian Kecil, der kleineren der beiden Inseln, ein Fest gefeiert. Jung und Alt trifft sich zu Wettkämpfen und geselligem Beisammensein. Wir sind beinahe die letzten Fremden, die sich noch auf den Inseln aufhalten. Kaum werden wir in dem Trubel beachtet. Die Malaysier sind höflich und zurückhaltend.
Schöne Tauchplätze soll es hier geben, die wir erkunden wollen. Aber leider sind wir zu spät. Ende Oktober schickt der Nordost-Monsun seine Vorboten mit Schwell und heftigen Regenschauern.

Ao Salak Phet heißt die große Bucht im Süden von Koh Chang. 4900 Meilen haben wir seit Bundaberg zurückgelegt und lassen mit einem erleichterten "Plopp" den Anker fallen. Felix liegt ruhig wie aufgebockt. Bewaldete Berge und Hügel, Mangroven und auf Stelzen ins Meer gebaute Fischerhütten umgeben uns. Bunte Fischerboote runden als Farbkleks das Bild ab. Einige kleine Resorts kümmern sich um die wenigen Touristen, die sich in diese idyllische Ecke verirren. Das "Island View Resort" wird unser Stützpunkt. Der Chef kommt aus Deutschland und hat viele deutschsprachige Gäste, die sich in gemütlicher Runde auf der luftigen Veranda treffen.

Entlang der Westküste von Koh Chang erkunden wir gemächlich die touristische Seite der Insel. Die Sandstrände werden immer schmäler, weil mehr und mehr Hotelburgen mit ausgedehnten Poolanlagen um Gäste werben. Wir werden mit Musik berieselt und verfolgen von Bord die allabendliche Feuershow. Es gibt aber trotz wachsendem Tourismus auch hier noch gemütliche Plätzchen und vor allem viele nette Menschen. Die Kellner im Restaurant "The Beach" sind schwer beeindruckt, dass wir auf dem Boot da draußen leben. Mit dem Paddelboot rudern sie heraus und freuen sich wie die Schneekönige, dass sie uns besuchen dürfen.

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