3000 Seemeilen Pazifik liegen vor uns. Um ehrlich zu sein, sind es nur noch 2766 bis zu unserem Wegpunkt auf dem Archipel der Gambier-Inseln im Süden der Tuamotus. Klingt irgendwie nach Südsee, oder? Ursprünglich wollten wir die Marquesas ansteuern, da aber beinahe alle Segler dieses Ziel wählen, haben wir uns für die eher einsameren Gambiers entschieden. Wir wollen dem "Verkehrsstau" entkommen und erst später zu den Marquesas segeln.

..und das Kraut, die Gurken, Paradeiser und Papaya... Vor unserer Abfahrt haben wir uns im "Mercado Municipal" von San Christobal mit frischem Obst und Gemüse vollgebunkert. Vieles davon hält sich bei den hohen Temperaturen nicht sehr lange und sollte möglichst schnell gegessen werden. Unser Magen ist aber immer noch nicht ganz fit und verträgt nur Schonkost. Weil doch schade um die Vitamine ist, muss ich die Sachen irgendwie konservieren. Papaya schneide ich in dünne Streifen, Bananen werden gedrittelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet.

Der Wind legt zu bis zwanzig Knoten, dreht von SSE auf ESE, die See wird ruppig und läuft kreuz und quer. Felix bekommt immer wieder einen Schlag von backbord, dass es nur so knallt. Mit einem Reff im Groß und gereffter Genua sind wir mit sieben bis neun Knoten durch die vergangene Nacht gerauscht. Auf unserem Kurs von 230 Grad Richtung Gambier haben wir sehr unruhige Bedingungen. Das war nicht unsere Vorstellung von der großen Pazifiküberquerung. Wenn das drei Wochen so weitergeht, müssen wir danach auf Erholung.

""Der Fisch fliegt!" Rauf mit den Händen oder nicht? Das wäre eine Streitfrage bei dem beliebten Kinderspiel. Wir wissen es inzwischen genauer. In Scharen gleiten die kleinen Fische mit weit gespreizten Flügeln vor und neben uns übers Wasser. Die "Fliegenden Fische" landen regelmäßig auf Felix, wenn sie Pech haben und dieses schwimmende Hindernis übersehen. Wir brauchen sie an Deck nur noch einzusammeln gemeinsam mit den winzigen Kalamaris, die ebenfalls vertrocknet auf Leinen oder Luken kleben. "

Familienfeste sind uns wichtig, egal wo wir sind, Geburtstagsfeiern ganz besonders. Die ganze Familie um den schön gedeckten Tisch bei Torte und Kaffee mit einem strahlenden Geburtstagskind, so war es bisher Tradition. Ganz so läuft es nicht mehr im Moment. Wir schaukeln am weiten Pazifik und unsere Kinder feiern mit ihren Freunden daheim. Dank der modernen Technik und Kurzwellenfunk sind wir aber jederzeit mit unserer Familie in Kontakt und können ihnen "Alles Gute" wünschen.

Jemand rüttelt mich am Arm. Das passt nicht in meinen Traum. "Morgen! Ich leg´ mich nieder, bin müde." Es ist Mitternacht. Ich brauche einen Augenblick zur Orientierung. Aufstehen, anziehen, rauf in den Salon. Der Schemel vor dem Navigationstisch kommt mir gerade recht. Ich muss mich setzen und starre minutenlang auf das Display des Kartenplotters. Kreislauf und Geist kommen erst langsam in Gang. Die ruckartigen Bewegungen des Bootes in der Kreuzsee - der Wind kommt von Osten, aber die Wellen laufen nach Nordwesten - machen mich ganz schwindelig. Man könnte meinen, Schuld ist der Restalkohol von gestern Abend. Dabei sind wir auf See strenge Abstinenzler.

Ich setze mich ans Steuer. Brav versieht der Autopilot seinen Dienst. Was täten wir nur ohne ihn? Routinemäßig suche ich den Horizont ab, rechne aber nicht wirklich damit, irgendwo die Lichter eines anderen Schiffes zu sehen. Seit Galapagos ist keines mehr aufgetaucht. Trotzdem würden wir nie beide gleichzeitig schlafen gehen. Was weiß man schon? Ich beobachte unseren Parasailor, mit dem wir seit vier Tagen über den Pazifik gleiten. Wir fahren ihn leicht an steuerbord und ich passe auf, dass die Backbordkante nicht einfällt. Im hellen Schein des Mondes, der schon bald wieder voll ist, kann ich alle Einzelheiten des Segels deutlich erkennen.

Worauf können wir als Österreicher nicht verzichten? Genau - aufs Körberl! Gutes Schwarzbrot auf hoher See ist schon ein besonderer Luxus. Der Weg dorthin war mühsam und mit einigen Rückschlägen gepflastert. Gegessen haben wir die Kreationen aber immer.

Wasser gibt es in Hülle und Fülle, zumindest Salzwasser. Sauberes Süßwasser ist ein kostbares Gut. Das haben wir auf unserer Reise schon oft erfahren. Daheim sprudelt das klare Nass aus Quellen und Brunnen und ist noch kaum ein Thema. Die Menschen in den Breiten, wo wir zuletzt unterwegs waren, fangen Regenwasser, filtern Meerwasser durch das Erdreich oder gewinnen ihr Trink- und Brauchwasser durch Entsalzungsanlagen.

Nach dem Frühstück lege ich mich nochmals ins Bett und wache erst nach zwei Stunden wieder auf. Der Körper braucht`s und in Etappen komme ich so auf sechs bis acht Stunden Schlaf. Das ist ganz in Ordnung und auch über längere Zeit durchzuhalten. Ich hole mir den fehlenden Nachtschlaf also am Vormittag und Lois legt sich am Abend nieder, kaum dass die Sonne untergegangen ist. Unsere Wacheinteilung im 3-Stunden-Rhythmus rund um die Uhr bewährt sich gut.

Felix ist frisch gewaschen. Mehrere Regengüsse haben die Gischt der vergangenen Tage vom Deck gespült.
Der Tag beginnt mit einer schwarzen Wolkenwand im Osten, die natürlich auf uns zukommt. Vorsorglich räume ich die Cockpitpolster weg und schlüpfe in die Segeljacke. Bald zeigt der Windmesser bis sechsundzwanzig Knoten und der Regen kommt waagrecht ins Cockpit. Ist einmal eine erfrichende Abwechslung zu den bisherigen Sonnentagen und noch schluckt der Parasailor die Böen ohne Probleme. Der Wind lässt wieder nach, dreht hin und her von Nordosten auf Südosten. Ich spiele mit den Schoten, setze das Segel mal mehr backbord, mal steuerbord und schließlich in die Mitte. Rundherum ziehen schwarze Wolken. Der Himmel hält sich bedeckt und lässt es immer wieder regnen.

Das Meer ist blau, so sagt man.
Es ist sogar unbeschreiblich dunkelblau hier draußen mit 4000 Meter Tiefe, wenn die Sonne hoch am Himmel steht.

Lois erhebt sich von seinem Schlaflager. "Geh`dich erst mal waschen und rasieren, damit ich dich herzeigen kann, wenn Besuch kommt." Natürlich sage ich das nur im Scherz. Wir sind allein auf weiter Flur und das seit elf Tagen.

In der Nähe des Äquators geht die Sonne um sechs Uhr auf und um achtzehn Uhr unter. Tag und Nacht sind mit jeweils zwölf Stunden gleich lang. Das sind die nüchternen Fakten.
Nach zwei Wochen auf See gehört der Wechsel der Tageszeiten für uns zum Lebensrhythmus. Ich habe eine Vorliebe für die Stunde, in der ein neuer Tag erwacht. Erst zeigt sich ein schwacher, heller Schein im Osten, der langsam kräftiger wird. Im Westen färben sich Cumuluswolken und Himmel in zarten rosa-hellblauen Pastelltönen. Es vergehen noch etwa zwanzig Minuten bis die ersten Sonnenstrahlen einen Bogen am Horizont zeichnen. Und nochmals dauert es eine ganze Weile bis dann plötzlich das erste Funkeln der Sonne durchbricht. Überraschend schnell wächst der Feuerball zur vollen Größe. Ich kann nicht länger hinschauen, bin zu stark geblendet.

Wir ziehen von Osten nach Westen, haben in Galapagos den Anker gelichtet auf 89° westlicher Breite und haben heute schon den 125. Breitengrad überquert. Fünfzehn Breitengrade bedeuten 1 Stunde Zeitverschiebung. Bei 105°W und 120°W haben wir unsere Borduhr jeweils um 1 Stunde zurückgestellt. Unser Ziel, die Marquesas, liegen auf 138°W und haben als Ortszeit UTC (Weltzeit) minus 9 1/2 Stunden. Wir müssen unsere Uhren also noch um weitere 1 1/2 Stunden nach hinten korrigieren.

Sie gleiten als dunkle Schatten im Mondlicht übers Wasser. Sie kommen im Morgengrauen von weit her geflogen, drehen eine Runde um unser Boot und ziehen weiter. Sie sind unsere Begleiter am Tag und in der Nacht. Ihr Zwitschern lässt uns aufschauen. Elegant und mühelos sind ihre Bewegungen. Sie leben am Wasser tausende Meilen von Land entfernt und jagen nach Fischen.

Auf dem weiten Pazifik gibt es keine Untiefen. Unendlich tief ist hier das Meer, laut unsere Seekarte sind es viertausend Meter und mehr. Unser Tiefenmesser kann maximal bis 180 Meter messen, wenn er auf ein deutliches Echo trifft. Auf dieser Überfahrt ist er also eigentlich arbeitslos.

..ist unser bisher größter Fang. Lois hat seinen kleinen, gelbschwarzen Lieblingsköder ausgelegt. Ein richtig dicker Brocken beißt an. Er macht den Fisch müde, lässt ihm Zeit und kurbelt ihn langsam zum Boot. Sein Widerstand lässt nach. Lois steht auf der Badeplattform, holt mit einer Hand die Angelschnur dicht, in der anderen hält er die bewährte Beruhigungssprühflasche mit Schnaps. Ich bereite den Haken vor, mit dem Lois den Fang hochziehen will.

Der konstante Wind ist uns untreu geworden. Nach vollen fünfzehn Tagen und 2200 Semeilen haben wir gestern den Parasailor geborgen und den Spinnaker gesetzt. Bei Wind aus Ost-Nord-Ost mit fünf bis zehn Knoten tümpeln wir mit drei bis fünf Knoten Fahrt unserem Ziel entgegen und sind dankbar über die westwärts ziehende Strömung.
Fussnote: Ich bin nicht schreibfaul geworden, aber unser Sailmail-Provider hat uns verwarnt, dass wir die zulässige Übertragungszeit überschritten haben. Also halte ich mich kurz - sonst geht gar nichts mehr.
Die ersten Sonnenstrahlen fallen ins Cockpit. Lois steht am Steuer und schaut ganz beiläufig zur Mastspitze hoch. Komisch! Am Spifall, wo zur Zeit wieder der Parasailor gesetzt ist, baumelt lose eine Umlenkrolle. Ist es Zufall oder Eingebung, der Käpt`n hat dafür wohl einen besonderen Riecher. Jedenfalls bedeutet das Arbeit.

Der Tag beginnt mit einem traumhaften Sonnenaufgang vor ausnahmsweise fast wolkenlosem Himmel, muss ich natürlich fotografieren. Die Cumuluswolken im Westen färben sich rosa. Mein Blick bleibt an etwas Ungewohntem hängen. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen. Da, wirklich, ich täusche mich nicht. "LAND IN SICHT!" Mein Ruf schreckt auch Lois auf. Ungläubig starren wir auf die schemenhaften Umrisse einer Insel. Fatu Hiva ist über tausend Meter hoch und die Sicht ist heute fantastisch. Wir sind trotzdem erstaunt, dass wir unser Ziel schon erkennen können. Immerhin liegen noch vierunddreißig Meilen vor uns.

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